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Gipfelbuch
Über allen Gipfeln ist Ruh
Max Schreiber, Pressewoche, April 2007, S. XIV – gipfelbuch Linksgipfelbuch Literatur
   Im Winter wie im Sommer sind die heimischen Berge gut besucht, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Tourenskiern. Am Ende jeden Aufstiegs steht der Eintrag ins Gipfelbuch, der beweisen soll, dass man auch tatsächlich oben gewesen ist. Schon seit über 150 Jahren gibt es diesen Brauch, wobei die Einträge eindrucksvoll zeigen, was der Mensch am Gipfel als aufschreibenswert erachtet und welche Gedanken ihn dort bewegen.
   Hinter diesem Brauch steht nicht zuletzt, dass der Mensch allgemein ein Bedürfnis hat, in Erinnerung zu bleiben. Und sei es nur durch das Hinterlassen seines Namens an berühmten Orten. So werden denn auch die schönsten Kulturdenkmäler Europas von unzähligen Namensgraffiti überzogen, Einritzungen mit oft einer jahrhundertlangen Tradition: Beispielsweise zieren die Wände des Castel del Monte in Süditalien Einritzungen, von denen die ältesten aus dem 16. Jahrhundert stammen. Daneben finden sich aber auch Eintragungen mit Faserschreiber aus dem Jahr 2007.
   In den höchsten Bergen der Welt dagegen hinterlassen die Gipfelbezwinger aufgeschichtete Steinhaufen und persönliche Gegenstände als Beweis ihrer Anwesenheit oder hissen Fahnen und schießen Gipfelfotos. In den bayerischen Voralpen hat der Bergsteiger es einfacher, denn hier gibt es schon seit langem Gipfelbücher. Dies war jedoch nicht immer so. In der Pionierzeit des Bergsteigens schrieben Bergsteiger nach geglücktem Aufstieg ihre Namen auf Zettel, die sie zum Schutz vor Regen und Wind in Flaschen steckten. Erst mit dem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt einsetzenden Alpinismus wurden Gipfelbücher gelegt. Für diese Periode belegen die Einträge, dass es sich zu dieser Zeit fast ausschließlich Adelige, Akademiker, reiche Großbürger und Studenten leisten konnten, mit Hilfe von einheimischen Führern die Gipfel der bayerischen Alpen zu besteigen. Mit einer zweiten großen alpinistischen Welle um die Jahrhundertwende änderte sich dies. Jetzt kamen die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten, die zum großen Teil in den über ganz Deutschland verteilten Sektionen des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins organisiert waren, um in den Bergen zu wandern.
   Die Eintragungen der „Gipfelbezwinger“ in den Gipfelbüchern haben sich durch die verschiedenen geschichtlichen Epochen im wesentlichen nicht verändert. Es wurden schon immer die verschiedensten Motivationen zum Ausdruck gebracht. Verewigen sich einige nur mit der bloßen Nennung ihres Namens, gelegentlich ergänzt durch die Erwähnung der gewählten Route, so lassen sich andere mehr Zeit zur Reflexion: Es werden durch Zeichnungen, selbst verfasste oder zitierte Gedichte und durch lustige Gstanzeln ausführlich die unterschiedlichsten Gefühle beschrieben, die den Bergsteiger am Gipfel überkommen. Oft wird die „physische“ Nähe zu Gott thematisiert. Der ehemalige Bischof von Innsbruck Reinhold Stecher hat diese religiöse Empfindung gut in seinem Buch „Botschaft der Berge“ beschrieben: „Am Gipfel, wo die Welt zu Ende geht und wo über uns nur mehr der weite Himmel steht und die Wolken ziehen, wächst aus dem Blick in die Tiefe und Weite die Frage nach dem Sinn des Ganzen.“ Viele Bergsteiger zeigen in ihren Einträgen, dass sie durch den Abstand vom Alltag zum Nachdenken gekommen sind, für viele ein Anlass, Gott zu danken, wie aus einem Eintrag zu Ostern 1958 im Gipfelbuch des Kranzhorns deutlich wird: „Ruhe finden, um sich in sich zu kehren, kann man in den Bergen am besten. Gott, ich dank dir, dass du die Berge geschaffen hast." Für Stecher ist das ein klarer Beweis: „Ein Weg zu Gott führt über die Berge“. In diesem religiösen Zusammenhang steht auch die Totenehrung. Immer wieder finden sich eingeklebte Todesanzeigen mit einem Portrait der verstorbenen oder am Berg verunglückten Kameraden, derer durch darunter gesetzte Unterschriften gedacht wird.
   Daneben finden sich aber auch viele lustige Verse, die sich meist mit der Anstrengung des Aufstiegs („Auf und nieder immer wieder/Morgen merk ma´s in die Glieder“) beschäftigen oder sich über andere Eintragungen lustig machen. So dichtet beispielsweise ein „Lyriker“ 1932 am Hohen Göll: „Alpenrose, schönste Rose, / schönste Rose, Alpenrose! Hafersack“. Auf derselben Seite antwortet ein „Kritiker“: „Hafersack, blöder Sack, / blöder Sack, Hafersack! Die Alpenrose“. Politik spielt am Berg keine Rolle, denn Äußerungen in dieser Hinsicht finden sich, auch in hervorstechenden Epochen wie dem Nationalsozialismus, nur sehr selten. Das Ziel, den Gipfel zu erreichen, scheint alle miteinander zu einen, ganz einerlei, welche politische Meinung der Einzelne vertritt.
   Nach dem Grundtenor der unterschiedlichen Eintragungen zu urteilen, bringt wohl alle ein Gefühl am Berg zusammen, das in einem in den Gipfelbücher immer wieder zitierten Gedicht „An die Alpen“ des romantischen Dichters Nikolaus Lenau (1802-1850) gut zum Ausdruck kommt:
Alpen! Alpen! unvergeßlich seid
Meinem Herzen ihr in allen Tagen;
Bergend vor der Welt ein herbes Leid,
Hab ich es zu euch hinaufgetragen.
...
Frischen Mut zu jedem Kampf und Leid
Hab ich talwärts von der Höh getragen;
Alpen! Alpen! unvergeßlich seid
Meinem Herzen ihr in allen Tagen!
© Max Schreiber & Presseforum Rosenheim; abgedruckt mit freundlicher Genehmigung per E-Mail, 5.4.2007
Links
schreiber Max Schreiber: "Über allen Gipfeln ist Ruh", Pressewoche, April 2007, S. XIV
schreiber Pressewoche: FuROrum
Nikolaus Lenau (1802-1850): schreiber Projekt Gutenberg – schreiber Wikipedia
schreiber Nikolaus Lenau: "An die Alpen" (alle Strophen)
schreiberReinhold Stecher (* 1921)
Gipfelbuch Gipfelbuch – Gipfelbücher
Literatur
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lenau GipfelNikolaus Lenau: Gedichte. Ditzingen: Reclam, 1993. Taschenbuch, 176 Seiten stecher
Reinhold Stecher: Botschaft der Berge. Innsbruck: Tyrolia, 2002. 14. Auflage, 97 SeitenGipfel
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