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Leo Maduschka
leo maduschka
26 Juli 1908 – 4. September 1932, Civetta Nordwand, Dolomiten
Bergsteiger, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler

Bibliografie
1930 "Aus großen Wänden", Deutsche Alpenzeitung (Aufsatzreihe).
1932 "Bergsteigen als romantische Lebensform", Deutsche Alpenzeitung (Aufsatzreihe).
1932 Neuzeitliche Felstechnik. München: Rother.
1932 Die Technik schwerster Eisfahrten. Mit Zeichnungen im Text von Martin Pfeffer, München. 1. und 2.Auflage. München: Rother. 55 Seiten.
1933 Das Problem der Einsamkeit im 18. Jahrhundert im besonderen bei J. G. Zimmermann. Weimar: Duncker. 123 Seiten. Robinsonliteratur Auszug: "Robinsonliteratur, utopisches Idyll und Einsamkeit"
1933 Junger Mensch im Gebirg. Leben - Schriften - Nachlass. 17.Jahresgabe. Gesellschaft Alpiner Bücherfreunde. München: Eigenverlag. 206 Seiten.
? Die Technik schwerster Eisfahrten. Unter Mitarbeit von Willo Welzenbach. 3.Aufl. München: Rother. 55 Seiten. AL 1449, Lehrbuch Eisklettern
1942 Die Technik schwerster Eisfahrten. Bearb. von Fritz Schmitt. 4.Aufl. München: Rother. 63 Seiten.
1950 Neuzeitliche Felstechnik. Fritz Schmitt, Bearbeiter. München: Rother. 4.Aufl. 54 Seiten.
? Walter Schmidkunz, Hg. Leo Maduschka. Junger Mensch im Gebirg. Leben, Schriften, Nachlaß. München: Pflaum. Nr: 429, Alpinistik. 245 Seiten. leo maduschka
? Leo Maduschka. Bergsteiger, Schriftsteller, Wissenschaftler. Ausgewählte Schriften.
1975 & Pit Schubert. Moderne Eistechnik. München: Rother. 178 Seiten.
1978 Das Problem der Einsamkeit im 18. Jahrhundert im besonderen bei J. G. Zimmermann. Hildesheim: Gerstenberg. Forschungen zur neueren Literaturgeschichte. Band LXVI. Franz Muncker, Hg. Nachdruck der Ausgabe von 1933. 123 Seiten. leo maduschka
1992 Leo Maduschka. Bergsteiger - Schriftsteller - Wissenschaftler. Dt. Alpenverein, Hg. Bearbeitet von Helmuth Zebhauser. München: J. Berg. Alpine Klassiker Band 19. 336 Seiten.
Der Wanderer
“Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere.” (Hermann Hesse)

Wandersehnsucht und Fernweh, diese "tiefen Rätsel germanischen Bluts" (Henry Hoek), sind zutiefst der romantischen Lebensform eigen; alle Romantiker waren, sind Wanderer, der Hunger nach der Ferne, ihre leidenschaftliche "Fernenliebe" (Nietzsche) trieb und treibt sie in alle Weiten der Erde und ihres Herzens, das sich in steter Unrast nach neuen "Wanderungen und Wandlungen" (Hoek) verzehrt. Der Wandertrieb ist ein Ableger des faustischen Urtriebs der germanischen Seele und steht damit auch in innigem Zusammenhang mit der Artung alles Romantischen überhaupt. Seitdem es germanische Geschichte gibt, hat der Deutsche nie aufgehört, Wanderer zu sein: als Wikinger fuhr er nach neuen Wunderländern aus, im Heerzug der Völkerwanderung durchzog er die Gefilde ganz Europas, später aber folgte er als Kreuzfahrer der Abenteuerlockung im Fernen Osten, wurde Vagant, schweifender Spielmann und pilgerte als fahrender Schüler von Stadt zu Stadt – immer gleich hingegeben, gleich verloren an die Fremde und seinen unstillbaren Drang nach ihr. Und über allen Gestaltwandel der Geschichte und des Menschen hinweg lebt diese Mitgift germanischen, faustischen Geistes noch den spätesten und jüngsten Enkeln: uns selbst im Blut.
Faust, die unsterbliche Gestalt Goethes, war mit allen Fasern seiner in alle Höhen, Tiefen und Weiten irrenden Sehnsucht Wanderer wie schon einst Parzival, Wolframs von Eschenbach Verleiblichung germanischen Strebens, und über die herrlichen jungen Wandermenschen der romantischen Romane von Tiecks "Sternbald" bis zu Eichendorffs "Taugenichts" führt in einer Linie der Weg zu Hamsuns wundervollen Vagabunden und Landstreichern oder zu Otto Flakes Menschen, die es immer wieder durch alle Gaue Europas treibt, oder zu tausend anderen - und alle diese Gestalten sind sich trotz ihrer Verschiedenheiten in diesem gleich: sie müssen wandern. Sie wissen oft nicht warum, sie sind einfach ihrer Sehnsucht gehorsam; einer Sehnsucht, die sucht, was sie ersehnt, und ersehnt, was sie sucht; einer ungewissen, ungeheuren Macht, von der sie nur eines ahnen: daß sie ihr Los ist. Und so wandern sie, reißen den Augenblick für eine einzige Minute, für eine Stunde oder einen Tag heiß an ihr Herz, doch sie sprechen nicht zu ihm das "Verweile doch, du bist so schön" – sie lassen das Erlebnis hinter sich, ihrem Wandern und sich selbst die Treue wahrend und "tiefer wissend, daß man nirgends bleibt" (Rilke). Der Schönheit, dem Erlebnis, der unbekannten, geheimnisvoll verborgenen Fremde brennt die Sehnglut des romantischen Wanderers entgegen, seine einzige und stete "Geliebte heißt die Welt wie die jedes rechten Mannes" (K. Heuser); so locken ihn die unendliche Vielfalt und die bunte Fülle des Lebens zu allen Ufern, und im tiefen Glauben, daß alles erwandert werde, bleibt er seiner Wanderschaft treu. Er kennt nur die Rast, nicht Seßhaftigkeit, er verweilt, allein er bleibt nicht, er liebt die Frauen und sie lieben ihn - aber er zieht weiter; denn: "Wer Ruhe sucht im Weibe, ist kein Wanderer" (Peter Altenberg). Dagegen: "Wandern, nichts besitzen, ein Mädchen küssen, einen blühenden Zweig berühren, vorüberziehen . . ., das ist es wohl" (Manfred Hausmann). Was anderen alles bedeutet, ist ihm nichts: das Feste, Dauernde, Bindende, das er verschmäht um seiner ungebundenen Wandertage und einsamen Wandernächte willen, denen er es opfert:
". . . Und dies alles immer unbegehrend
hinzulassen, schien ihm mehr als seines
Lebens Lust, Besitz und Ruhm. . ." (Rilke)
Er ist seiner romantischen Sehnsucht dienstbar, sie spendet ihm stets von neuem den berauschenden Trunk aus unerschöpflichem Becher: das Glück der Unerfülltheit. Wanderer ist er, gleich, ob er wochenlang durch endlose Wälder streift, einsam über kahle Pampas reitet, den Elch jagt oder die Südsee durchsegelt, ob er auf dem Ski, in Rennwagen und Flugzeug seinem eigenen ruhlosen Herzen nachjagt, oder ob er sich aus immer neuen Wänden, von immer neuen Gipfeln mit Hammer und Pickel das große Erlebnis herab holt. Gleichgültig ist die Form, im Grund gehorchen sie alle nur dem Gesetz ihres Blutes, das ihnen zuraunt: "So juble Dein Lied und erwandere Dir Deine Sehnsucht. Alles andere im Leben ist nicht viel nütz" (Alfred Graber). Und sie alle haben noch eines gemein: Sie haben letztlich kein Ziel: sie wandern ein ganzes Leben lang für die Ferne, zwecklos, nutzlos – und sie wissen darum; in tausendfachen Variationen heißt ihrer aller stets wiederkehrendes Leitmotiv: Der Weg selbst ist Ziel, "man wandert um des Wanderns willen" (Hoek); und befragt man sie, die Rastlosen, Sehnsüchtigen, Wandernden, wohin denn ihr Pfad führe – sie müßten alle mit Novalis' dunklem, wunderbarem Wort erwidern: "Immer nach Hause."
Bergsteigen ist Wandern, und auch der Bergsteiger ist ein Wanderer. Auch sein Ziel ist der Weg; der Weg, der in diesem Falle ein Steig ist, steil und rauh, oder nicht einmal mehr das: nur noch die Routenlinie, der Durchstieg durch das Gemäuer der Felswände und die jähen Flanken der Eisberge. Auch sein Trieb in die Ferne ist unstillbar; Ferne und Weite aber bedeuten ihm vor allem: der immer neue Berg. jeder neue Gipfel ist nur Station auf dem Wanderweg, "ein Unerfülltes, er weist über sich selbst hinaus auf Höheres" (O. E. Meyer). Groß, sehr groß ist die alpine Literatur, in der das Wandermotiv als stete Dominante über der reichen Harmoniefülle anderer Töne schwebt. Dieses Motiv aber ist wundervoll einfach, es sagt in allen Formen und Gestaltung stets dasselbe: wir sind sehnsüchtig: "Sehnsucht aber hat ein unendliches Ziel: es liegt nicht nur in der Unendlichkeit, sondern es ist sie selbst" (F. Strich); wir müssen wandern, wir müssen wandern, um unsere Sehnsucht zu töten – sonst würde sie uns töten; wir können, da die Sehnsucht unendlich ist, nie aufhören zu wandern; wir wandern ziellos, der Weg ist Sinn und Ziel, Berg um Berg sind seine Stationen; wir geben so der Sehnsucht stets neue Objekte, an denen sie sich beruhigt, an denen sie sich sofort aber auch wieder neu entzündet: eine Bewegung ohne Ende – solange wir wandern. Wir aber müssen wandern. Wandern ist Schicksal, unser Glück – unsere Tragik. – Soweit dieser Gedankengang, auf dessen Schlußsatz an späterer Stelle noch einzugehen bleibt.
Ein Wanderer ist also auch der Bergsteiger, Wanderer zu vielen Gipfeln, Pilger auf unzähligen Wegen, ein "stiller Freund der vielen Fernen" (Rilke). Wie seine Brüder im Geiste die endlose Landstraße, die verblauenden Ebenen oder die namenlosen Gefilde des 204 Ozeans über alles lieben, so ist er mit der Kraft seiner Leidenschaft den Bergen verfallen; wie jenen dort, so wird auch hier ihm "das Leben grenzenlos weit und faßt die eigene Fülle doch nicht" (O. E. Meyer). Immer wieder drängt jeder Mensch, dem Erfüllung ward, jeder Traum, der Verwirklichung fand, über sich hinaus, immer wieder scheint der "Mons idealis" (O. E. Meyer) zu winken, der Erlösung verheißt, immer wieder wird die Frage gestellt: "Werde ich sie je finden, die allerlösenden Berge meines Traums?" (Hoek) – und immer steht wieder von neuem hinter jedem Erreichten ein Weiteres, das nach Erreichen ruft – ein endloser Kreislauf zwischen den Polen: Wunsch und Erfüllung, Erfüllung und Wunsch, leis wie von dunklem Flötenspiel von dem tiefen Wissen begleitet:
"Uns aber ist gegeben,
auf keiner Stätte zu ruhn . . ." (Hölderlin)
Leo Maduschka: Junger Mensch im Gebirg. Leben, Schriften, Nachlaß. Walter Schmidkunz, Hg. München: Pflaum, o.J. 5.Auflage. S. 202-205
Diese Verherrlichung des Kampfes hilft mit den Boden zu bereiten, auf dem in den Jahren der Bergfahrten und Schriften Leo Maduschkas die Nazis ihre "Mitläufer" gewinnen.
Siehe: maduschka Der Ewige Wanderer als Thema in der Weltliteratur
Leo maduschkaDer Leo-Maduschka-Felsen im Zottbachtal, ein Geotop
Der Kaufmann, Bürgermeister und Organist Leo Maduschka, von 1921 bis 1933 und nochmals nach dem Krieg bis Oktober 1946 Bürgermeister von Pleystein, war der Onkel des Bergsteigers Leo Maduschka. Dieser verbachte als Kind "öfters Ferien in Hause seines Onkles und unternahm auch erste Kletterversuche auf dem Kreuzbergfelsen im nahegelegenen Städtchen Pleystein." Helga Zimmerle, Enkelin des Bürgermeister Leo Maduschkas.

Leo Maduschka
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 17.8.2004