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Westtexas
173 Kilometer zu Fuß in Westtexas
Bericht einer Reise im Jahre 1987 (Herbert Huber, Wasserburg am Inn, 20.März 1988)Seite 1
  Zwei Wege teilten sich im Wald und ich –
Ich nahm den weniger benutzten,
Das ergab den ganzen Unterschied.
Robert Frost, 1874 – 1963, frost Original
Westwärts
In den südlichen Rocky Mountains
Am Knick des Rio Grande
Im Trans Pecos Gebiet
Verlängerter Abschied
Wissenswertes
Literatur
Westwärts
    "Haben Sie irgendwelche Lebensmittel? Fleisch, Wurst?" frägt die Zollbeamtin am Houston International Airport und läßt mich den Rucksack öffnen.
    "Natürlich nicht!"
    Mißtrauisch greift sie selbst in eine Seitentasche, zieht eine Tüte heraus und stopft sie schnell wieder zurück. Es ist das Toilettenpapier, zur Standardausrüstung meines Rucksacks gehörend. Wurstkonserven, Einfuhr streng verboten, habe ich im Koffer, der ungeöffnet passieren darf. Etwas Verwunderung erregen noch die zusammenschiebbaren Stöcke. Doch meine Erläuterung von der Entlastung der Knie beim Bergabwärtsgehen leuchtet ein.
    Houston, mit 1,7 Millionen Einwohnern die größte Stadt von Texas, hat eine hohe Luftfeuchtigkeit und sieht mich nur eine Nacht. Ich landete hier nur, weil Mietwägen in Deutschland gebucht bedeutend preiswerter sind als vor Ort. Sie wurden allerdings in dieser Preislage nur ab Houston oder Dallas angeboten. Der Mietautotip stimmt: die billigste Ausführung, von mir im Reisebüro in München bestellt, ist nicht vorrätig. Ohne Aufpreis erhalte ich deshalb eine funkelnagelneuen Chevrolet Nova, viertürig und mit Klimaanlage. Die braucht es auch. Fast immer klettern die Temperaturen in den nächsten dreißig Tagen über 90 Grad Fahrenheit, immerhin 32 Grad Celsius.
    Die Formalitäten beim Autoverleih sind dank Eurokarte, die in den USA als Mastercard gültig ist, schnell erledigt. Ich bekomme einen Stadtplan, den Autoschlüssel und einen vollen Tank, unterschreibe und schon geht es stadteinwärts. Das Gebläse des Chevy Nova arbeitet hochtourig um die Frontscheibe klar zu halten.
    Urlaub in Fort Stockton, Texas. Ein Ort, von dem ich vor einem Jahr nicht mal den Namen kannte. Im 872 Seiten dicken USA-Baedeker ist er nicht erwähnt. Partnerschaftliche Beziehungen mit Wasserburg am Inn, Bayern ermöglichten meiner Tochter Sandra einen einjährigen High School Aufenthalt in dieser 8688 Seelen Gemeinde im Trans Pecos Gebiet. Ein gemeinsamer Urlaub soll uns nun Westtexas näherbringen.
    Der "Lone Star State" mit einem Stern in der Staatsflagge ist der zweitgrößte Bundesstaat der USA. Nur Alaska, hoch oben im Nordwesten, ist größer. Texas ist bei etwas höherer Einwohnerzahl wie Bayern fast zehnmal so groß. Von Beaumont im Osten bis El Paso im Westen sind es 1348 Kilometer.
    Am nächsten Morgen geht es von Houston westwärts nach Austin, der swingenden Hauptstadt. Im Autoradio schalIi Country und Western Musik. Zum ersten Mal höre ich George Strait mit "All My Ex's Live in Texas". Ich muß mich in den nächsten vier Wochen dran gewöhnen, daß, alles auf Texas bezogen wird.
    Texas is big. Texans think big. Don't mess with Texas.
    Und wenn es mit Worten nicht geht hat es zumindest die Umrisse der Grenzen des nationalbewußten Südstaates, sei es als Topflappen, Handtuch oder Holzbrett.
    Amerikanische Stadtpläne sind einfach zu interpretieren, da die Stadtstrukturen einfach sind. Trotzdem muß ich in Austin einmal nach dem Weg fragen. Es ist Sonntag und die Innenstadt der texanischen Hauptstadt ist wie ausgestorben. Ich bin froh bei einem parkenden Auto eine Frau zu sehen. Halten und fragen. Sie ist noch froher, daß jemand hält und ihr beim Reifenwechsel helfen will. Schnell kläre ich das Mißverständnis auf. Sie nennt mir dennoch bereitwillig den Weg zum Hotel, das nur noch zwei Straßenblöcke entfernt ist.
    Das Hyatt Regency Hotel in Austin liegt direkt am Colorado River, allerdings nicht dem berühmten, sondern sozusagen texaseigenen. Dort soll ich Sandra treffen, doch sie ist noch nicht da. Kein Problem, im ersten Stock läuft die offene texanische Schachmeisterschaft. Ich wollte ursprünglich mitmachen, aber eine Fehlinformation bezüglich des amerikanischen Labor Days brachte die Termine durcheinander.
    Der Turniersaal ist groß aber schmucklos, die Atmosphäre eher nüchtern. Ich kann mich nicht konzentrieren und wandle unbeteiligt von Partie zu Partie. Berühmte Namen sind nicht unter den Teilnehmern. Ich fahre die Rolltreppe hinunter zum Empfang und da kommt auch Sandra mit einem großen Rucksack und freudigem Strahlen. Wir haben uns neun Monate nicht mehr gesehen, beziehen ein Motel in der Nähe und genießen ein paar frohe Wiedersehenstage.
    Texas is big, da ist es kein Wunder, daß das Capitol in Austin dasjenige in Washington D.C. um über zwei Meter überragt. Der großflächige Zilker Park am Colorado River gibt mir genügend Gelegenheit zum Joggen. Nie bin ich dort allein. Hunderte von acht bis achtzig laufen beliebig an beiden Ufern des Flusses. Man fällt weder durch Laufstil oder Geschwindigkeit noch durch Kleidung auf. Es ist alles schon vertreten. Da keuchen Geher, Sprinter, einzeln, in Gruppen, mit Gewichten, in Badehosen und trotz sengender, feuchter Hitze auch im Trainingsanzug.
    Wir sehen auch auffallend viele Radler und beschilderte Radwege. Ganz Texas wird ja von markierten Bicycle Trails durchzogen.
    Die Einkaufszentren am Rande der Großstadt sind imposant. Der Barton Creek Square Malt hat über 130 000 qm Verkaufsfläche und ist bis 21 Uhr geöffnet. Trotzdem erhalten wir nicht alles, was wir für unsere geplanten Bergtouren benötigen. Dafür erstehe ich sehr preiswerte Laufschuhe. Sogar die bekannteste deutsche Marke (Merksatz im Amerikanischen: "All Day I Dream About Sex") gibt es weit unter den bei uns geläufigen Preisen. Der Schuhverkäufer berät mich eingehend. Ich erfahre die sprichwörtliche texanische Freundlichkeit. Er schwätzt mir nichts auf. Als wir feststellen, daß' er keine passenden Schuhe vorrätig hat, empfiehlt er seine Konkurrenz im selben Gebäude.
    Überhaupt ist das Preisniveau in Texas erstaunlich niedrig, insbesondere für Speisen und Getränke, sowohl im Schnellschuppen als auch im Restaurant. Der günstige Dollarkurs zahlt sich aus. Sieht man von Flug und Automiete ab, läßt sich ein äußerst preiswerter Urlaub verbringen, sofern man, wie wir, das Zelt dem Hotel vorzieht. Kauft man noch einige Sportartikel wie Laufschuhe oder Tennisschläger günstig ein, ergänzt vielleicht noch die k:ameraausrüstung, so läßt sich von dieser Ersparnis bereits ein spürbarer Teil der Urlaubskasse finanzieren.
    Die noch fehlenden Kartuschen für den Gaskocher müssen wir woanders erstehen. Im Flugzeug dürfen sie nicht transportiert werden, deshalb habe ich sie nicht aus Deutschland mitgenommen. Ein Blick ins Magazin "Backpacking", es liegt in jedem Zeitschriftenladen aus, verrät uns eine gute Adresse in San Antonio. Bereits auf dem Weg dorthin, in San Marcos, finden wir einen gut sortierten Outdoor-Shop. Die Kartuschen sind teuer, aber wir brauchen sie.
    San Antonio, das wir ungeplant besuchen, entpuppt sich als die sehenswerteste Großstadt unserer Reise. Gegründet 1718 von spanischen Militärs und Franziskanermönchen hat es eine stark mexikanisch gefärbte Innenstadt. Darin der berühmte Alamo, in dem sich 1836 Davy Crockett und Jim Bowie gegen das mexikanische Heer unter Antonio Lopez de Santa Anna verteidigten, wiederholt 1960 durch John Wayne und Richard Widmark, millionenfach besungen von Countrysänger Marty Robbins.
    Santa Anna wurde kurz darauf von 900 Texanern unter Sam Houston besiegt und gefangen genommen. Die Millionenstadt, ein National Forest - übrigens mit dem 140 Meilen langen, markierten "Lone Star Trail" – und viele weitere Einrichtungen sind nach dem Befreier von Texas aus mexikanischer Herrschaft benannt.
    Der Campingplatz ist, wie fast alle in den USA, sehr großzügig angelegt. Unser nächster Nachbar ist mehr als zwanzig Meter entfernt. Es ist ein KOA (Kampgrounds of America) Platz, die über die gesamten USA verbreitet sind. Die Gebühren von zwölf Dollars für zwei Personen pro Nacht garantieren hohen Standard: Duschen, Kinderspielplatz und Swimmingpool; gelegentlich, wie hier in San Antonio, auch ein Open Air Kino. Ich werde KOA-Mitglied, erhalte eine Mitgliedskarte und einen Autoatlas und zahle ab sofort 10 Prozent weniger.
    Durch die Innenstadt von San Antonio führt ein markierter Touristenweg. Selbstverständlich schließt er den 'Paseo del rio', den 'River Walk', ein. Inmitten der City steigt der Besucher am Fluß etwas tiefer und kann nun entlang dessen Ufer flanieren. Restaurants, Bootsfahrten und Cafes laden ihn ein.
    Ärgerlich ist für uns, daß mir gerade hier der Film reißt, was nur wörtlich zu verstehen ist. Gerade von diesem romantischen Spaziergang haben wir keine Dias, da ich das Mißgeschick zu spät erkannte.
    Am Marktplatz der pulsierenden Großstadt spielt ein Trio mexikanische Musik und lädt zum Verweilen ein. Wir geraten in Stimmung und beobachten das Publikum. Witzige Kleidungsvorschrift in einem mexikanischen Lokal: "No Shirt – No Service". Wir essen Tortillas, scharfe Tex-Mex-Spezialität.
    Für die Weltausstellung 1968 wurde der Tower Of The Americas erbaut, ohne Antenne 190 Meter hoch, mit Drehrestaurant. Ähnliches gibt es sicher auch woanders, Aufregend sind aber die Aufzüge. Nachdem sich die Türen automatisch geschlossen haben, öffnen sich die "Terassentüren" . Die Aufzüge sausen an der Außenseite des Turms nach oben. Die Außenfläche des Fahrstuhls ist aus Glas und gestattet schwindelerregende Ausblicke. Währenddessen gibt es über Lautsprecher Informationen. Die USA sind das Land der totalen Information. Im Carlsbad Caverns National Park werden wir dafür nochmal ein eindrucksvolles Beispiel erleben.
    Etwas außerhalb von San Antonio führt der "Mission Trail" zu vier alten spanischen Missionen. Sie entstanden im frühen 18.Jahrhundert und sind durch den National Park Service für Besucher geöffnet.
    San Antonio bietet noch mehr: einen kleinen, interessanten Zoo, zahlreiche Kunstmuseen, die Lone Star Brauerei und der Welt größte Hamburger. So die Werbung. Things are done in a big way in Texas. Wir wollen sie uns nicht entgehen lassen.
    Obwohl der abendliche Konzerttermin beim San Antonio Symphony Orchestra fest gebucht ist, vertrauen wir auf die übliche Fast Food Abfertigung. Doch diesmal werden wir enttäuscht. Schon beim Bestellen müssen wir uns mit Japanern, Mexikanern und Amerikanern anstellen, erhalten einen Bon und warten. Warten auf unseren Aufruf.
    Vor der Wahl zwischen Hamburger oder Russe wählen wir Tschaikowsky und eilen zum Konzertsaal. Wir werden wiederkommen!
    Dirigent Andrew Schenck trägt einen elfenbeinfarbigen Anzug und sagt seine Stücke selbst an. Das Orchester finanziert sich, wie viele kulturelle Einrichtungen in den USA, allein aus Eintrittsgeldern und Spenden.
    Ein Problem verfolgt uns auf der gesamten Reise. Telefonieren geht nur privat oder aus der Zelle. Dazubraucht man das nötige Kleingeld. Für ein Gespräch nach Deutschland muß man einige Zeit sammeln, alles einwerfen und auf Anschluß hoffen. Da die Telefonnetze privaten Gesellschaften gehören, hat die Post absolut nichts damit zu tun. Selbst im Verwaltungskomplex der Southern Bell, einer der größten nordamerikanischen Telefongesellschaften, können wir nicht ohne Quartermünzen telefonieren. Zum Glück gibt es vereinzelt Telefonzellen einer Company, die Kreditkarten akzeptiert. Der Operator meldet sich, man nennt die Nummer seiner Eurokarte und kann uneingeschränkt telefonieren.
    Ein Wolkenbruch setzt über Nacht ganz San Antonio unter Wasser. Unser Zelt droht zu schwimmen. Hastig packen wir alles ins daneben stehende Auto. Es geht auf dem Interstate Highway 14 westwärts nach Fort Stockton, weit hinter dem Pecos River, im sogenannten Trans Pecos Gebiet.
    Mir fällt wieder auf, daß in den USA viele Verkehrsschilder und Hinweise in den Städten rein verbal gehalten sind. "Turn right" statt des Rechtsabbiegerpfeils, das lästige "No U-turn" und ähnliches mehr; dies, obwohl die Analphabetenquote durch ständige Einwanderung recht hoch ist.
    Wie noch oft, wenn wir für Stunden auf den Highways sind, vertreiben wir uns die Fahrt mit Übersetzungen von Umgangssprache oder Slang aus der Werbung. Ganz besonders famos gelingt uns dies mit dem zustimmenden "Sounds like it!" während jemand eine unwahrscheinliche Story von sich gibt. Im Bayerischen finden wir dafür das treffende "I glaab's ja glei!". Beide Redewendungen signalisieren, daß man das Erzählte eben nur fast glaubt. Eine gleich prägnante Übersetzung ins Schriftdeutsch gelingt uns nicht.
    Fort Stockton wurde 1859 gegründet um den Weg nach Kalifornien zu erleichtern. Das damalige Hotel für die Reisenden ins Traumland am Pazifik beherbergt heute das Annie Riggs Memorial Museum.
    Die Stadt liegt flach in der Randzone der Chihuahuan [Tschiwawan] Wüste, die mit 362 000 qkm die zweitgrößte Wüste Nordamerikas ist. Die Chihuahuan Wüste zieht von Mexiko über Westtexas bis ins südliche New Mexico. Charakteristisch für das Gebiet um Fort Stockton sind die "mesa", vereinzelte Tafelberge. Auf einem dieser Mesas, allerdings weiter nördlich in New Mexico, entstand übrigens im 2.Weltkrieg Los Alamos, die Produktionsstätte der ersten Atombombe.
    Der Empfang bei Sandras Gasteltern ist herzlich. Ich lerne auch gleich die Großeltern kennen. Wie üblich sind alle beschäftigt. Es wird immer etwas geplant, vorbereitet oder ausgeführt. Am Abend ist große Abschlußfeier der High School. Alle Wasserburger Austauschschüler sind mit dabei.
    In den nächsten Tagen werde ich mit den Gebräuchen in Westtexas vertraut gemacht. Man muß sich an die texanische Freundlichkeit erst gewöhnen. Es beginnt bei der Begrüßung, betrifft die gegenseitige Vorstellung, wo es immer, wer es auch sei, "Nice to meet you" heißt, und setzt sich in allen Bereichen fort.
    Besonders die hohe Kinderfreundlichkeit und ihre wie selbstverständliche Integration ins öffentliche Leben sticht ins Auge. Vor Schulen und Kindergärten wird der Autoverkehr durch Schwellen künstlich verlangsamt, obwohl die Amerikaner sowieso recht diszipliniert fahren.
    Stark ist die Wetterabhängigkeit in Westtexas. Wenige Tage vor meiner Ankunft hat ein Tornado das nahe Saragosa dem Erdboden gleich gemacht. Es regnet selten aber wolkenbruchartig. Ausgetrocknete Bachbette verwandeln sich in kürzester Zeit in wabbelnde Flutwellen. Die Wettervorhersage gibt sich entsprechend genau: "There's a 30 percent chance of rain in the Midland – Odessa area today", zu 30 Prozent wird es heute regnen, heißt es in den Nachrichten.
    Bereits am Morgen bietet Fort Stockton Temperaturen,.von denen wir selbst im Hochsommer nur träumen. Ich jogge täglich an einer Schule mit großen Sportplätzen und etlichen Tennisplätzen vorbei, hinaus auf eine staubige Farmstraße. Erst am Rückweg schlägt mir die Hitze der Sonne von Osten entgegen.
    "Warum läufst du nicht mal am Sportplatz" frägt mich Ken Johnson, der Hausherr.
    "Ja, darf ich denn das?" frage ich verwundert zurück und errege Verständnislosigkeit, die sich noch steigert, als ich berichte, daß unser Sportplatz am Badria eingezäunt und abgesperrt ist und meist leersteht. Auch die Tennisplätze sind frei zugänglich. Zugegeben, Fort Stockton hat viele Plätze. Land ist reichlich vorhanden.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.3.2004