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Westtexas
173 Kilometer zu Fuß in Westtexas
Bericht einer Reise im Jahre 1987Seite 3
Am Knick des Rio Grande
    Doch dann zieht es uns wieder in die Berge. Auf dem langen Weg zum Big Bend National Park am Knick des Rio Grandes kehren wir in Marfa in "Memo's Cafe" ein. Die Empfehlung dafür stammt aus der neuesten Ausgabe des "New Yorker", einer Zeitschrift, die lakonisch empfahl dort zu speisen, wo die Grenzer einkehren. Orte, die keine Grenzpatrouille haben, hätten auch keine ordentlichen Lokale. Die grünen Enchiladas in "Memo's Cafe" setzte diese Zeitschrift jenen von "Mario's" in San Antonio gleich. Wir waren zwar nie in "Mario's", folgen aber trotzdem der Empfehlung. Gutes Indiz: an einem runden Tisch sitzen vier oder fünf Grenzer. Der Wirtin erzählen wir, daß ihr Ruhm bereits nach Deutschland gedrungen sei. Vielleicht werden deshalb die Enchiladas, diese feurige mexikanische Spezialität besonders scharf.
    Selbstverständlich ist seitdem auch "Mario's" in San Antonio vorgemerkt.
    In Marathon ist ein Foto mit mir am Ortsschild unabwendbar.
    Anschließend geraten wir in eine Gegend, in der man mit dem Autoradio keinen Sender mehr empfängt. Für wen auch, es gibt keine Siedlungen in dieser menschenleeren Halbwüste. Die ideale Szenerie für Filme wie "Giganten" und "Paris, Texas". Schon vermissen wir den vertrauten Text von "Domestic Life", dem gegenwärtigen Countryhit von John Conlee, ein Loblied auf den braven texanischen Klein- und Vorstädter. Der Song unterbrach bisher mindestens einmal pro Stunde die Werbung.
    Die Rastplätze am Highway Nr.90 sind wie überall sauber und großzügig. Ist bereits ein Auto dort, gilt er für uns als überlaufen und wir fahren 40 Kilometer oder so weiter. Der nächste gehört uns sicher alleine.
    Der Big Bend National Park umfaßt 2866 qkm. Zum Vergleich: Stadt und Landkreis Rosenheim bringen 1471 qkm auf die Waage. Der Nationalpark Bayerischer Wald paßt mit 120 qkm fast 24 mal in den Big Bend. Allerdings besteht Big Bend zum größten Teil aus Wüste. Die Niederschlagsmenge ist recht unterschiedlich, erreicht aber zumeist keine 25 cm pro Jahr.
    Die Chisos Mountains und der Rio Grande ergänzen die Wüste zum attraktiven Dreiklang, der von den sich daraus ergebenden Gegensätzen, Wasser und Wüste, Hitze und Kälte, lebt.
    Schon von weitem türmen sich die Berge wie ein unnahbares Karpatenschloß auf und ziehen die Blicke der Besucher an.
    Im Park Headquarter melden wir uns an, zahlen eine geringe Eintrittsgebühr und werden von einem freundlichen Ranger mit den Vorschriften vertraut gemacht. Hier wird Umweltschutz ernst genommen. Nichts darf verändert werden, gemäß dem Motto:
Hinterlasse nichts als Fußabdrücke,
Nimm nichts mit außer Bildeindrücke.
    Nach 15 Kilometer Fahrt erreicht die Straße den Panther Paß und wir erhalten großartige Einblicke in die Bergwelt, die wir in den nächsten Tagen näher kennenlernen möchten. Vom Panther Paß senkt sich die Straße in eine geräumige Hochebene, "The Basin" genannt. Sie enthält einen der drei Campingplätze im gesamten Big Bend. Die beiden anderen liegen am Rio Grande. Neben einigen Ferienwohnungn gibt es im riesigen National Park nur noch primitive Einzelzeltplätze für "back country" Trips. Es sind leidlich ebene Stellen, numeriert und meist ohne Wasser. Auch für sie ist Voranmeldung Pflicht.
    Im Basin beziehen wir jedoch ein einigermaßen komfortables Areal, wie üblich mit Tisch, Bank und Grillstelle bei jedem Zeltplatz. Wie im Guadalupe Mountains National Park gibt es auch hier informative Abendprogramme durch die Ranger. Wir erfahren, daß zur Zeit ein junger Puma, hier "mountain lion" genannt, einzeln herumstreunt. Vielleicht wird er von seiner fürsorglichen Mutter gesucht. Vorsicht ist geboten. Von den dreißig Schlangenarten im Big Bend sind nur die Mokassinschlange und vier Arten von Klapperschlangen giftig.
    Ringsum sind wir von Bergen eingeschlossen. Imposant ist der Keil des unnahbaren Casa Grande, dessen Wand in der Abendsonne rot aufleuchtet.
    Der nächste Tag überrascht uns mit zweifelhaftem Wetter. Wir entschließen uns, es langsam angehen zu lassen. Das Parkprogramm bietet am Morgen einen geführten "early morning bird walk" an. Genau das Richtige zum Auftakt. Von einem Teilnehmer erhalten wir ein Fernglas und erfahren viel Wissenswertes von unserem Ranger Rob Pearson. Wir beobachten eine Herde Javelinas, eine Handvoll neugieriger und kurzsichtiger Tiere, Verwandte unseres Wildschweins. Sie sind flach wie manche Fischsorten, wohl um sich in ihrer stacheligen Umgebung besser bewegen zu können. Den Laufvogel Roadrunner kennen wir bereits. Zwar kann er fliegen, doch zieht er es vor, im rasenden Lauf die Straße zu kreuzen. Er gehört zu den wenigen Tierarten dieser Größe, die nicht trinken, sondern ihren Flüssigkeitsbedarf mit der Nahrung decken. Eine wunderbare Anpassung an seinen trockenen Lebensraum.
    Über 400 verschiedene Vogelarten zählte man im Big Bend. Viele landen hier auf ihrem Flug nach Mexiko und Mittelamerika zwischen. Doch etwa 100 Arten sind in der Oase der Chisos Mountains heimisch. Exotisch sind die recht zahlreichen "Turkey Vulture". Sie sind Aasgeier und als Kadaververtilger äußerst wichtig im ökologischen Netz des Parks.
    Das Wetter wird großartig. Nur über der Spitze des Emory Peaks hängen noch Wolkenfetzen. Wir waren zu kleinmütig. Auf zum Lost Mine Trail.
    Ähnlich den deutschen Lehrpfaden finden wir dort zahlreiche Erläuterungstafeln, die die Flora am lebenden Beispiel erklären und in die geologischen Besonderheiten einführen. Vom Weg aus genießen wir instruktive Einblicke in die von Süden heraufziehenden Canyons.
    Im Big Bend wurde bis in die vierziger Jahre unseres Jahrhunderts Quecksilber gefördert. Der Zinnober, aus dem es gewonnen wird, war schon den Chisos Apachen bekannt. Sie benützten ihn zur Kriegsbemalung und für Felsmalereien. Von den weißen Siedlern wurden sie mit dem Versprechen des Asyls nach Mexiko gelockt. Doch auch dort wurden sie verfolgt, getötet und aufgerieben.
    So hat Red Cloud, ein Oglala Häuptling, heute durchaus recht, wenn er behauptet:
    "Die Weißen haben uns viel versprochen, mehr als ich aufzählen kann, aber gehalten haben sie nur ein Versprechen: Sie schworen, unser Land zu nehmen, und sie haben es genommen."
    Am Lost Mine Peak soll es eine von den Spaniern entdeckte Silberader geben. Wie der Name sagt, weiß man nicht wo. Vielleicht ist es nur eine der vielen Wildwestlegenden.
    Schon beim Anstieg sticht mir der felsige Gipfel des Lost Mine Peaks ins Auge. Auf 2100 m Höhe zweigt ein kaum sichtbarer Pfad zu ihm ab. Eine Stunde lang verfolgen wir ihn, weichen den Kakteen und dornigen Büschen aus. Dann wird es steil und stachelig. Nur für den Lehrpfad mit kurzen Hosen ausgerüstet, haben wir keine Chance, denn Blut soll nicht fließen.
    Aber der Lost Mine Peak bleibt auf der Wunschliste, obwohl oder trotzdem er mir auf dem Rückweg noch eine höhnischen Tritt verpaßt. Einen Moment nur bin ich unaufmerksam, beginne zu stolpern, glaube mich fangen zu können, aber ich stürze weiter, streife Kakteen, was ich zunächst im Fluge noch nicht registriere, hüpfe grotesk und komme nach etlichen Metern zum Liegen. Sandra und ich prusten vor Lachen. Ich begutachte meine Striemen und Ritzer, es hätte schlimmer kommen können. Harmlos liegt der sanfte Hang, der mich so in Fahrt versetzte, da.
    Die Wolken am nächsten Morgen schrecken uns nicht. Wir zockeln den Pinnacles Trail hinauf, dem höchsten Gipfel, dem Emory Peak (2399 m), entgegen. Die fremde Pflanzenwelt fasziniert uns wieder. Am frühen Morgen sehen wir noch einige Kröten in feuchter Bergwiese. Je höher wir steigen, desto angenehmer die Temperaturen, desto grandioser der Blick auf "The Basin", aber auch durch Kammeinschnitte hinaus auf die weiten Wüsten, aus denen die Chisos Berge so unvermittelt aufragen. Die feurigen Felstürme und Zinnen gaben dem Pinnacles Trail den Namen. Sie sind vulkanischen Ursprungs und ihre eigentümlichen Formationen entstanden durch Kälteeinwirkung, Hitze, fegen und Schrumpfung.
    Der letzte Gipfelaufbau erfordert sogar die Mithilfe der Hände. Doch dann überblicken wir das gesamte Massiv und stehen auf Hunderte von Kilometern auf dem höchsten Funkt. Wie üblich in den USA schmückt den Gipfel kein Kreuz sondern allenfalls, wie hier am Emory Peak, ein Vermessungszeichen.
    Während unserer Rast ziehen Wolken auf. Wir planen noch den gesamten Kammverlauf südlich und östlich zu verfolgen. Ein paar Mal begegnen uns berittene Ranger und Touristen. Inzwischen habe ich eine feine Methode entwickelt, der stereotypen Antwort auf das unvermeidliche "How are you?" auszuweichen. Ich bin jetzt stets schneller als mein Gegenüber: "How are you?". Nun ist es bei ihm, die Antwort zu geben. Doch so hölzern dieser Floskelaustausch zunächst auf mich wirkt, er schafft sofort eine besondere Ebene der Vertrautheit und ermöglicht, sofern erwünscht, einen problemlosen Gesprächseinstieg. Auch an das Grüßen aus dem Auto raus habe ich mich gewöhnt. Ja, es macht sogar Spaß, wenn ich die Finger läßig zum Gruß hebe und Sandra sich über meine gekonnte Geste amüsiert. Trifft man bei uns jemand zu Fuß in der Einsamkeit, geht man ja auch nicht wortlos aneinander vorbei. Hier im Trans Pecos Gebiet befindet sich oft dreißig Kilometer vor und hinter einem keine Menschenseele. So wird auch das Grüßen Teil der sprichwörtlichen texanischen Höflichkeit und Gastfreundschaft.
    Punkt zwei Uhr entladen sich die Wolken. Ist da nicht ein Schild? Ich folge ihm. Eine schmale Blechhütte steht im lichten Wald. Sie läßt sich öffnen. "Sandra, komm!" Die Rettung vor dem Unwetter. Es ist ein Abort ohne Herzausschnitt gerade in der richtigen Minute. Wir zwängen uns mit den Rucksäcken hinein. Draußen blitzt und donnert es. Wir versuchen die Außenwände so gut es geht nicht zu berühren, nehmen die Rucksäcke ab, stehen schweigend, später sitzen wir, erzählen Witze. Der Regen prasselt auf das Blechdach, monoton und unaufhörlich. Nach einer Stunde ist der Spuk vorüber. Die Blechhütte hielt uns zumindest trocken.
    Mit der Feuchtigkeit beginnt der Boden aufzuleben. Besonders faszinieren uns die rosa Tausendfüßler, dick wie eine Daumen. Im Amerikanischen nennt man sie etwas bescheidener Wüsten Hundertfüßler. Wo stecken die nur, wenn es knochentrocken ist?
    Ein Schild warnt uns vor dem Felsabsturz. Die nächste Meile dürfen wir auf keinen Fall den Weg verlassen, denn an den Felsen nistet der auch in Nordamerika gefährdete Wanderfalke. Mit bis zu 200 km Stundengeschwindigkeit stößt er aus hohen Lüften auf sein Opfer. Bei uns ist er leider fast ausgerottet.
    Diese Wanderung im Herz der Chisos Mountains zählt gewiß zu den Höhepunkten unseres texanischen Urlaubs, auch wenn wir in unseren Plastikbergschuhen und mit den beiden ausziehbaren Stöcken auf dem Weg durch den Campingplatz von manchem verständnislos belächelt werden.
    Einer ruft: "Na, habt ihr dort oben Schnee gefunden?". Obwohl wir uns breitenmäßig ungefähr auf der Höhe von Kairo befinden, fällt im Winter ein bis zwei Mal Schnee im Big Bend. Heute haben wir aber keinen gesehen.
    Auf dem Programm, das wir am Abend gemeinsam festlegen, steht nun der Pine Canyon. Wir wollen ihn über die Glenn Spring Road, eine unbefestigte Nebenstraße, erreichen. Die Road ist abenteuerlich. Ausgewaschen von den gelegentlichen Wasserfluten, ausgemergelt von der täglichen Hitze stellt sie den Mietwagen auf eine harte Probe. Wir schaukeln dahin, streifen den Boden, sinken in Löcher, bis ich die Nase voll habe. Nur im übertragenen Sinn versteht sich. Das Fenster haben wir meist geschlossen, damit die Klimaanlage im Wagen wirksam ist. Ein Autoschaden hier wäre zumindest peinlich. VierKilometer sind es zurück bis zur Hauptstraße.
    Auf der Landkarte suchen wir ein neues Tagesziel. Warum nicht zum Croton Peak, draußen in der Wüste vor den Bergen?
    Die Erfahrung, die wir an diesem Tage machen dürfen, ist, daß Entfernungen in der Wüste noch schlechter abschätzbar sind als im Gebirge. Die grünen Gürtel entlang den breiten Flußbetten, jetzt natürlich gänzlich ausgetrocknet, kontrastieren scharf mit der dürftigen Wüstenflora rund herum. überall stehen halbverdorrte, niedrige Creosote Büsche. Sie haben bis zu 9 m lange Wurzeln um an Wasser zu gelangen. Die Wurzeln sondern Gifte ab, damit keine anderen Pflanzen in ihrer Umgebung wachsen.
    Sandra riecht förmlich die Schlangen, aber wir sehen keine. Ich präge mir so gut es geht die eingeschlagenen Bachverzweigungen ein. Dazu drehe ich mich öfters um, denn so werde ich die Landschaft auf dem Rückweg sehen. In der dumpfen Hitze will ich Umwege auf dem Rückweg vermeiden.
    Lange dauert es, bis wir die vorgelagerte Ebene durchquert haben und der mühsame Aufstieg beginnt. Ich erinnere mich manch einer Schilderung Sven Hedins durch Asiens Wüsten. Wir haben in Stundennähe das Auto, eine tröstliche Rückversicherung.
    Den Felsblöcken und dichtem Gestrüpp ausweichend suchen wir das günstigste Durchkommen. Wäre es dort drüben nicht besser? Gelangt man hin, so dünkt einem die vorherige Schneise doch einfacher.
    Schon sind wir fast am Kamm, da erkennen wir, daß Croton Peak auf sich warten läßt. Er ist noch weit entfernt. Die mittägliche Hitze macht uns den Umkehrentschlug leicht.
    Dafür bauen wir am Spätnachmittag noch einen Trip zum berühmten "Window" ein. Es ist ein scharfer Einschnitt im Kammverlauf, in dem das Wasser aus den Bergen und dem Basin gesammelt hinunterstürzt.
    Unterwegs beobachten wir den Pillendreher. Emsig bearbeitet er die Pferdeknollen. Er wuzzelt Mistballen, die ihn selbst überragen, und rollt sie hangabwärts.
    Den Bach begleiten schwere Eichen und allmählich enger werdende Felswände, auf denen sich flinke Eidechsen sonnen. Der Weg selbst wird felsig und ist durch die stetige Schürfarbeit des Wassers aalglatt. Zum Schluß, direkt am Absturz in die Wüstenebene, heißt es Vorsicht. Das Wasser tost, befreit aus seinem dunklen Felskanal hinunter in das ausgetrocknete Vorland. Draußen ist es noch hell. Im Dunst schieben sich einige Gebirgszüge, bedeutend flacher als die Chisos, kulissenartig ineinander.
    Eine typische Landschaft des amerikanischen Südwesten lernen wir am nächsten Tag kennen. Hohe, rotbraune, zerklüftete Felswände, die auf dem Trail zum Emory Peak beschriebenen "Pinnacles", formen die Umrahmung des Blue Creek Canyons. Der Weg startet nahe dem Gebäude der ehemaligen Homer Wilson Ranch. Sie steht offen und kann besichtigt werden. Erstaunlich aus wie engem Raum hier Mensch und Tier lebten.
    Durch das karge Grasland führen Steinmandl zum Canyoneingang. Hier nimmt den Wanderer ein verzweigtes Canyonsystem auf, in dem es gilt, die richtigen Abzweigungen zu finden. Zahlreiche spitze Felstürme und ausbalancierte Felstrümmer zieren den Red Rock Canyon, der nach einer halben Stunde in den Blue Creek Canyon mündet. öfters wechselt der Pfad die Seiten im Tal. Doch immer ist er, da selten begangen, schwer zu finden. Fehler in der Wegsuche bezahlt man mit Kratzern in Armen und Beinen und lästiger Umkehr. Doch wir sind ja unterwegs um unterwegs zu sein.
    Heute sammeln wir allen Unrat am Wegesrand auf. Dies ist eine Teilaufgabe um in den Chihuahuan Desert Club aufgenommen zu werden. Auf einem von den Rangern herausgegebenen (ersonnenen) Blatt kann man Fragen beantworten, entdeckte Pflanzen- und Tierarten ankreu zen. Zur Belohnung gibt es einen Clubaufkleber und, was mehr zählt, man hat sich spielerisch mit dem Nationalpark vertraut gemacht. Gerade recht für Kinder und deutsche Touristen.
    Obwohl wir am Blue Creek Canyon kaum Abfälle finden - wie oben erwähnt, ist er ja selten begangen -, gilt die Aufgabe als erfüllt.
    Es gäbe noch viele Trails in den Chisos zu erkunden, doch wir wollen noch zum Rio Grande. Dazu brechen wir unser Zelt im Basin ab und fahren in den Südwesten des Parks.
    Die für unsere Begriffe übervorsichtigen Amerikaner sperrten eine Straße, die gerade ausgebaut wird. Obwohl nur spärlich befahren, die Baustelle kaum 300 m 1 ang ist und genügend Raum auch für amerikanische Straßenkreuzer bleibt, wird ein fünf Kilometer langer Abschnitt nur viertelstundenweise in jeweils einer Richtung freigegeben. Zumindest gibt dies mehrere Jobs für Studenten, die die Straßenfreigabe per Walkie Talkie kontrollieren.
    Während der Fahrt gewähren uns einzelne Abstecher zu Fuß nochmals Eindrücke von Wüste, Flora und Geologie dieser großartigen Landschaft. Oft finden wir am Straßen rand erklärende Tafeln, auf die schon von weitem auf merksam gemacht wird. Wir lesen sie natürlich alle. Die Informationsgesellschaft USA zeigt hier ihre guten Seiten.
    Von jedem Ausblick können wir nun in der Ferne schon den Santa Elena Canyon ausmachen. Es ist die Stelle, wo der Rio Grande plötzlich aus den Felsen tritt und die Wüste des Big Bend von den mexikanischen Bergen trennt.
    Der Cottonwood Campingplatz ist nahe dem Fluß. Bei der Rangerstation Castolon ist ein Gemischtwarenladen aus alter Frontierzeit. Im Schatten vor dem langen Gebäude schaukeln einfache Korbsessel, dahinter die Stange um das Pferd anzubinden. Doch es stehen nur zwei Autos da.
    Auch der zahnarme Besitzer scheint noch aus der alten Zeit zu stammen. Trotz seiner Abgeschiedenheit und der Monopolstellung auf mehr als 50 Kilometer im Umkreis verlangt er nur moderate Preise.
    Wir füllen unsere Vorräte auf und fahren zum Ausgangspunkt des Santa Elena Canyon Trails. Zuerst müssen wir den Terlingua Creek durchwaten. Als Sandra mit ihrer Gastfamilie hier war, war er nicht vorhanden, jetzt wälzt er sich breit, doch nicht allzu tief, dem Rio Grande entgegen. Man darf ihn nicht unterschätzen. Teilweise reicht die Flut bis zum Knie. Die größte Kunst ist es jedoch, zwischen Fluß und trockenem Standplatz zum Anlagen der Schuhe, möglichst keine Sand an die Füße zu lassen.
    Die Landschaft am Fluß ist ganz verschieden zu der uns inzwischen vertrauten. Sand und Hohes Schilfgewächs begleiten uns und am Ausgang des Canyons, hoch über den Felsklippen, kreisen die Wanderfalken.
    Das Gefälle des Rio Grandes ist enorm. An der gegenüberliegenden Felswand, - sie gehört bereits zu Mexiko - erkennt man die Neigung der Wasseroberfläche. Einen Kilometer führt der schmale Pfad entlang des nördlichen Felsabsturzes in den Canyon. Beliebt sind Schlauchbootfahrten ab Lajitas, viele Meilen flußabwärts, durch den Canyon hinaus in die weite Big Bend Ebene.
    Wir tauchen die Hände in den Fluß um wenigstens einmal Rio Grande Wellen zu verspüren.
    Am Cottonwood Campingplatz sind wir mit zwei anderen Zelten allein. Im Gegensatz zu den Chisos Bergen lindert kein Lufthauch die Hitze. Wir spüren die Nähe des Flusses und die tiefere Lage. Myriaden von Mücken versuchen sich an uns zu laben und trotzdem wir unter Bäumen liegen ist es unaussprechlich feuchtheiß. Wir haben die zweifelhafte Wahl: im Zelt mit Moskitonetz sind wir vor den Mücken sicher, schwitzen aber unaufhörlich; vor dem Zelt kommen wir mit dem Umherschlagen kaum nach. Und oben in den hohen Baumwipfeln warten bereits die Aasgeier.
    Spät in der Nacht dösen wir ein.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.3.2004