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Westtexas
173 Kilometer zu Fuß in Westtexas
Bericht einer Reise im Jahre 1987Seite 4
Im Trans Pecos Gebiet
     Anderntags nehmen wir Abschied vom Big Bend, begleiten aber den Rio Grande noch für geraume Zeit flußaufwärts bis Presidio. Als Hauptstadt des gleichnamigen Counties, vergleichbar unseren Landkreisen, hat Presidio einige Bedeutung. Eine Brücke überquert den Rio Grande nach Mexiko und eine Bahnlinie führt ins Nachbarland nach Chihuahua City, immerhin eine Millionenstadt.
     Das County Presidio ist fast so groß wie die Oberpfalz, zählt aber nur knapp über 5000 Einwohner. 80 % davon wohnen in Presidio und Marfa.
     In der Stadt herrscht reges Treiben. Sie ist Einkaufsstätte für die umliegenden Farmen und Ranches. Leider kann ich in den beiden Supermärkten Eieine Diafilm auftreiben und muß auf Papierbilder umsteigen.
     In einem Restaurant haben wir uns mit Bekannten aus Fort Stockton verabredet. Bereitstehende Kinderstühle erlauben es, wie in vielen texanischen Lokalen, auch Familien mit Kindern problemlos zu speisen. Sie sind gern gesehen und niemand stört sich daran, daß die Kleinen manchmal recht laut sind.
     Wir dürfen das Wochenende auf der Ranch der befreundeten Familie verbringen. Sie liegt in den Chinati Mountains. Zunächst schafft der Mietwagen den abenteuerlichen Weg hinter dem Kleinlaster her noch. Doch dann wird die "Straße" immer schlechter. Gewohnheitsmäßig setze ich den Blinker, – worüber später noch gelacht wird, denn 20 Kilometer im Umkreis befindet sich kein Auto – und lasse den Chevy in der brühenden Sonne stehen. Wir laden auf den Laster um und schaukeln noch ein paar Meilen weiter.
     Hier kann der Besitzer ohne Übertreibung feststellen, daß er zur Umrundung seines Gebiets mit dem Auto einen Tag unterwegs ist, ohne den Konter fürchten zu müssen: "Ja, so ein Auto hatte ich auch mal!"
     Nie ist man sich sicher, ob nicht einer der seltenen, aber umso heftigeren Wolkenbrüche den Zugang unpassierbar gemacht hat.
     Schließlich taucht die Wochenendidylle auf. Ein Ranchhaus mit Stallungen, ein Nebengebäude für die arbeitenden Mexikaner, ein Bauerngarten, Bäume, Büsche, eine Wiese mit See, Bach und einem Windrad. Kaum ausdenkbar in sonst lebensfeindlicher Umgebung.
     Rauhe Sitten herrschen noch in dieser Gegend, Reibereien um Detretungs- und Durchfahrtsrechte, Eigentumsdenken aus den Siedlertagen. Manche Landbesitzer handeln bei Eindringlingen nach dem Motto "Zuerst schießen, dann fragen". Es gibt eingekaufte Neunachbarn, meilenweit entfernt, oft Sonderlinge, wie ein Deutscher aus Württemberg, der nach dem Kauf einer einsamen Ranch sich sogar sein Pferd aus der alten Heimat einfliegen ließ und jeden Kontakt mit seinen Nachbarn scheut.
     Am Spätnachmittag sitze ich zum ersten Mal auf einem Pferd und reite behäbig durch Busch und Dorn. Einmal verwechsle ich die Kommandos und muß einen unfreiwilligen Galopp überstehen.
     Hier auf der Ranch ist es wieder gebirgig und die Umgebung zeigt sich aus immer neuen Blickwinkeln. Die ansteigende Höhe gewährt einen Blick über den Rio Grande hinweg ins dunstige mexikanische Bergland.
     Ganz nahe ist der Chinati Peak (2356 m) und meine Augen suchen emsig den Weg hinauf. Er gehört noch zur Ranch, doch der Besitzer war nie oben.
     "Vielleicht schon mal einer der mexikanischen Viehhirten", meint er auf meine Frage.
     Am Sonntag wollen wir zurück nach Fort Stockton. Gleich nach dem Frühstück beginnen die Gastgeber mit dem Beladen des Fahrzeugs. Wozu so eilig? Die texanischen Entfernungen bin ich noch immer nicht gewohnt. Erst um sieben Uhr abends treffen wir am Ziel ein. Da wußte ich, warum wir schon am späten Vormittag aufbrachen.
     Zurück in der Zivilisation lassen wir uns einen Blizzard schmecken, ein Eisbecher, den es in mannigfachen Geschmacksrichtungen und in drei Größen gibt. Der "medium" ist für uns ausreichend. Zum Schrecken für Unwissende wird er an der Theke mit der Öffnung nach unten übergeben.
     Eine Kioskbesitzerin hat eine neue Aufschrift in riesigen Lettern angebracht: "Good luck in Germany, Miller!" Sie gilt einem der künftigen Gäste in Wasserburg: Miller Robinson.
     Im Truckershop von Fort Stockton kaufen wir T-Shirts und bewundern die exakt geparkten Trucks mit ihren liebevollen Verzierungen.
     Zwiespältig ist das Verhältnis der Texaner zum Abfallproblem. Ausgetrunkene Bierflaschen werfen Jugendliche bedenkenlos aus dem Auto, sobald sie nur etwas außerhalb der Stadt sind. überall aber warnen Schilder "Don't mess with Texas" vor Verunreinigungen und geben oft gleich den Hinweis auf die zu erwartende Strafe: 400 $ fine for littering".
     Selbstbewußt verlautet ein Schild in Hondo nahe San Antonio: "Dies ist Gottes Land, bitte fahre nicht hindurch wie in der Hölle". Beachtlich ist die Disziplin beim Autofahren. Fast jeder hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. 55 Meilen auf den Highways, das sind nicht einmal 90 Kilometer. überschritten wird sie nur von Truckern und Mietwägen, von Europäern gesteuert.
     Seltsam, daß in unserem viel kleinräumigeren Land diese Geschwindigkeit nicht ausreichen soll.
     Auch in Fort Stockton gibt es noch einiges zu erkunden. Die gut ausgestattete Bibliothek kann ich nur kurz besuchen. Das örtliche Museum muß ich für den nächsten Besuch aufheben. In den Restaurants läßt es sich angenehm und preiswert speisen. Zum Verweilen sind sie allerdings nicht gedacht. Man ißt und trinkt, erhält die Rechnung und gilt als abgefertigt. Das Leben spielt sich im privaten Bereich ab oder man organisiert selbst Aktivitäten.

Verlängerter Abschied
     Irgendwann kommt der Abschied. Nur gut, daß er für Sandra nicht endgültig ist. Nach ihrem geplanten Trip quer durch die USA wird sie nochmals für ein paar Wochen nach Fort Stockton zurückkehren.
     Wir befinden uns wieder auf dem Highway, diesmal in Richtung Osten.
     Hinweistafel an einem Rastplatz: "Next resting area 115 miles", das sind satte 185 Kilometer bis zum nächsten Rastplatz.
     Im "Fort Stockton Pioneer" las ich während meines Urlaubs von einem besonderen Vorfall. Auf einer Farmroad hatte ein Mann eine Panne. Weit und breit keine Ortschaft, so wollte er zu Fuß Hilfe holen. Durch widrige Wetterbedingungen und Orientierungslosigkeit irrte der gute Mann drei Tage ohne Nahrung und Getränke durch die Wüste und konnte von Glück reden, daß er einigermaßen wohlbehalten aufgefunden wurde.
     Westtexas mit seinen Ölpumpen und Windmühlen ist so, wie man sich auf der ganzen Welt Texas vorstellt: einsam, Halbwüste, vereinzelt grasende Rinder, schier endlose Highways mit knalligen Trucks und jeder behält stets seinen Stetson-Hut auf.
     Die Interstate 10 verlassend fahren wir Richtung Fredericksburg, mitten im Hill Country, die Hochburg der deutschen Siedler in Texas. Viele Geschäfte haben deutschnamige Inhaber und Geschäftsbezeichnungen. Auch Speisekarten gibt es in deutsch, Bier aus Deutschland – oder hat es nur deutsche Namen, gebraut in Milwaukee, Wisconsin –, Gästebücher, in die sich vornehmlich Deutsche eintragen.
     Die privaten Übernachtungspreise sind für unseren Geschmack zu hoch, an die vierzig Dollar für das Doppelzimmer. Nach etlichen Telefonaten wegen Privatquartieren beziehen wir doch wieder einen Zeltplatz, der uns lediglich fünf Dollar kostet, allerdings auch nicht zu üppig ausgestattet ist. Abgesehen von den Nationalparks sind die Plätze meist für riesige Caravans und Motorhomes zugeschnitten, die alles was sie brauchen und noch mehr mit sich führen.
     Am nächsten Tag suchen wir Luckenbach, Texas. Berühmt wurde es durch einen Waylon Jennings – Willie Nelson Song: "Luckenbach, Texas, let's get back to the basics of life". Seitdem steht es in jedem Reiseführer. Wir können den Ausspruch, Luckenbach sei kein Ort, sondern ein Gefühl, bestätigen. Erst im zweiten Anlauf treffen wir auf die drei Gebäude, um die es zur Mittagszeit noch absolut ruhig ist. Nur ein Lieferwagen zeugt davon, daß es abends oft hoch hergeht. Doch soviel Zeit wollen wir nicht aufbringen.
     Die Rückgabe des Mietwagens in Hauston ist problemlos. Wohl dank der abgeschlossenen Versicherung werden die Papiere entgegengenommen, ich unterschreibe und das ist es. Es wird nicht mal nachgesehen, ob der Chevy wirklich vor der Türe steht.
     Sandra begleitet mich zum Flughafen. Nach einigen Stunden trennen wir uns. Ich will einchecken und sie will sich im anderen Flughafengebäude nach ihren Verbindungen nach San Franzisko erkundigen.
     Da beginnt für mich die Misere. Der aus Mexiko City kommende KLM Flug ist gestrichen. Es bilden sich Schlangen vor den KLM Schaltern, denn alle wollen Ersatzflüge buchen. Ich werde auf Delta Airlines umgebucht: über Dallas nach Frankfurt. Fahrplanmäßig wäre ich dann früher in München als geplant.
     Nichts wie hin zum Delta Schalter. Das Gepäck erhält die Zielbanderole und entschwindet auf dem Fließband. Dann die Ernüchterung: Delta weigert sich, mich mitzunehmen. Diskussion.
     "Sorry, KLM overbooked our flight to Dallas." Da nützt selbst der Bestätigungvermerk "confirmed" nichts. Zurück tu KLM. Wieder in längeren Schlangen anstehen. Vor mir eine Familie, die nach Madrid will, hinter mir zwei Geschäftsreisende nach Kairo. Alle wollen nach Europa, ursprünglich über Amsterdam, jetzt ist ihnen jede Route recht.
     Bis ich drankomme sind alle heutigen Flüge nach Europa ausgebucht. KLM bietet mir den Rückflug zur selben Zeit am nächsten Tag an und da ich Zeit habe und kaum eine andere Wahl, akzeptiere ich. Die Stewardeß ist sichtlich froh, daß sie endlich einen Kunden hat, der nicht herummosert.
     Ich erhalte einen Gutschein für Dinner, Frühstück und übernachtung im Flughafenhotel.
     "Aber meine Tochter ist auch noch in Houston", wende ich ein.
     "Okay, sie kann auch im Mariott übernachten." Die Gutscheine werden verdoppelt.
     "Mein Koffer und Rucksack ist bereits unterwegs nach Frankfurt. Ich habe nichts mehr dabei."
     "Okay", meistert die Stewardeß auch diese Hürde, "ich habe da Ersatz."
     In der dunkelblauen KLM Tasche, die sie mir aushändigt, ist tatsächlich alles, was der moderne Mensch in einem Luxushotel benötigt: Zahnbürste, Morgenmantel, Haarshampoo, Hausschuhe usw.
     Schnell suche ich Sandra, finde sie auch. Ohne Mietauto hätte ich ihr nur per Taxi folgen können. Das öffentliche Verkehrsnetz in Houston ist miserabel.
     So verbringen wir nochmals 24 Stunden zusammen auf dem Flughafen. Zuerst, unterstützt durch die KLM Gutscheine, doch dafür nicht ausreichend, ein gediegenes Dinner im Marriott Flughafenrestaurant. Das vornehme, hervorragend ausgestattete Lokal dreht sich und bietet bei allmählich hereinbrechender Nacht einen genüßlichen Ausblick auf Houston by night.
     Am Nebentisch erleben wir den US-amerikanischen Kreditkartenwirrwarr aus erster Hand. Der Ober serviert die Rechnung, der Gast reicht ihm einen Stapel von vielleicht zwanzig Karten. "Nehmen Sie die Ihnen angenehmste." Wir haben nur die Eurokarte, aber sie reicht.
     Zum zweiten Mal verabschieden wir uns am nächsten Mittag. Diesmal klappt alles.
     Doch in München ist weder Rucksack noch Koffer da, obwohl ich einen Tag später als gebucht ankomme. Reklamation, Anrufe in Frankfurt, ein weiteres Mittagessen zusammen mit meiner Frau, die zum Abholen nach München-Riem gekommen ist. Alles wieder auf Kosten der KLM.
     Und tatsächlich: Rucksack und Koffer kommen mit der nächsten Maschine aus Frankfurt und wir starten wohlbehalten gen Wasserburg.
     Die USA und auch Westtexas sind ein Paradies für Wanderer. Bekanntlich war man nur dort wirklich, wo man zu Fuß war. Entgegen allen anderen Behauptungen heißt es also auch dort: raus und wandern.
     Mag auch die Mehrzahl der Amerikaner ihr Auto nur ungern verlassen, die Bandbreite der Geschmäcker und Neigungen in den USA ist phänomenal. Man findet immer extremere Kletterer als bei uns, fanatische Wanderer und eifrige Naturkenner und -l i ebhaber . Der Sierra Club, in etwa unserem Alpenverein vergleichbar zählt 400 000 Mitglieder und engagiert sich sehr für die Erhaltung der letzten Wildnisse.
     Natürlich könnte dieser Reisebericht, wie soviele aus den USA, "4800 Kilometer im Südwesten der USA" oder so ähnlich heißen. Aber da dies bei uns nicht im Vordergrund stand, rückt der gewählte Titel die erwanderten Kilometer ins Rampenlicht. An die erinnern wir uns gerne, sie zeigten uns ein wunderschönes, wildes Land; die anderen Kilometer waren dabei nur Mittel zum Zweck.
     Texas hinterließ einen starken Eindruck. Es ist wirklich das Land, in dem die Klischees noch übertroffen werden. Vielleicht kommt deshalb bereits jetzt mächtiges Fernweh auf.
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Westtexas
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.3.2004